Woher kommen Häme und Hass im Internet?

Das Internet war einst ein Ort, an dem ein kleines Individuum eine Stimme bekommen konnte um gegen die großen Fehlleistungen von Medien, Firmen und Politik vorzugeben. Prof. Dr. Peter Kruse warnte vor ein paar Jahren die Enquete Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ in seinem berühmten Talk vor einem in Zukunft extrem starken Kunden und einem extrem mächtigen Bürger. Seine Erkenntnis vom digitalen Schmetterlingseffekt, den kreisenden Erregungen im Netz in Form von Shares und Retweets, machten Schule. In den Kommunikationsabteilungen herrscht mittlerweile die Sorge vor Empörungswellen im Netz.

Nun zeigt sich auch ein anderes Bild. Hass und Häme richtet sich nicht nur gegen offensichtliche und kritikwürdige Missstände in der Gesellschaft, sondern auch beschämenderweise gegen schützenswerte Einzelpersonen, gegen kleine und egale Fehlleistungen oder in Deutschland derzeit in der hässlichen Form von ungefiltertem Fremdenhass.

Am Beispiel eines unbedachten Tweets einer PR-Frau zeigt Jon Ronson diese Veränderung auf, die an vielen Ecken im Netz zu beobachten ist. Er stellt die Frage, wie es soweit kommen konnte dass aus Social Media mit der Möglichkeit, dass kleine Stimmen eine Macht bekommen konnten, eine Überwachungsgesellschaft wurde, in der es am schlauesten ist, stumm zu bleiben.

Wie Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren

Das Video von Prof. Dr. Peter Kruse (R.I.P.) von seinem Pitch für digitalen Wandel aus der Enquete Kommision „Internet und digitale Gesellschaft“ ist in den Kreisen der digitalen Szene ein Klassiker. Es gibt von diesem Video auch eine Langform. Es handelt sich um einen Vortrag von Peter Kruse von der re:publica 2010. Es geht um den Kampf in und um kulturelle Wertewelten (Warum das Internet die Gesellschaft polarisiert) und um die Verschiebung von Machtverhältnissen (Warum das Internet Wirtschaft und Politik verändert). Es geht um den immer noch andauernden Diskurs pro und contra Internet. Ist es gut oder böse? Darum darf es gar nicht gehen. Vielmehr braucht es immer noch die Antwort auf die Frage, was wir mit dem Internet machen und wie wir mit dieser Technologie gesellschaftlich umgehen und wie wir es gestalten.

Peter Kruse teilt im Rahmen einer Studie „Heavy User“ des Internets in zwei Spähern: Digital Visitors und Digital Residents. Jede dieser Gruppen hat unterschiedliche Präferenzen, Wertevorstellungen und Bewertungen der digitalen Welt. Beispielsweise die Wichtigkeit von Datenschutz und Reputation. Oder Wichtigkeit von persönlichen Kontakten und Kontakten im Internet. Nutzen vs. Risiken. Die unterschiedlichen Wertewelten machen eine gemeinschaftliche Kommunikation fast unmöglich und sorgt für Konfliktsituationen.

Nun sind die Veränderungen durch das Internet und die Vernetzwerkung der Gesellschaft systembedingt und außer durch die Abschaltung des Netzwerkes nicht zu stoppen. Die soziale Vernetzung des Internets ist ein Angriff auf die etablierten Regeln der Macht und erzwingt ein grundlegendes Umdenken. Außer man macht es kaputt.

Treffen der Generationen: Sascha Lobo (Blog) und Kelly (YouTube)

Es gibt mittlerweile nicht nur den digitalen Graben zwischen Onlinern und Offlinern. Auch innerhalb der digitalen Welt tun sich Gräben auf. In dem Video von Marie Meimberg sitzen sich zwei Internetgrößen gegenüber und plaudern amüsant aus dem Nähkästchen. Es geht um Reichweite, Hasskommentare, den gesellschaftlichen Mechanismen im Netz und schließlich auch um Verantwortung als publizistische Stimme.

Man kennt vermutlich nur die eine Persönlichkeit als Internetberühmtheit, je nachdem welcher Generation man angehört. Die andere ist fremd. Und genau darum geht es in dem Video. Der hier in die Rolle des Internetopis schlüpfende Sascha Lobo steht als klassischer Internetversteher (meiner Generation) durchaus nicht alleine da wenn es darum geht, beim Phänomen YouTube und den Berühmtheiten mit ihren bizarren Reichweiten der Plattform mitzukommen. Kelly aka MissesVlog hingegen gibt sich überrascht, dass es mal eine digitale Welt ohne Hashtags gab.

Soziale Netzwerke in der Unternehmenskommunikation

Schöne Keynote von Dr. Stefan Groß-Selbeck (Vorstandsvorsitzender XING AG) zum Thema Soziale Netzwerke in der internen und externen Unternehmenskommunikation .

Warum sind Soziale Netze so erfolgreich? Weil sie 2500 Jahre nach der Erkenntnis von Aristoteles, dass der Mensch ein soziales und auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Wesen ist, das erste Hilfmittel sind, mit dem diese Sozialheit technisch Abbildbar ist. Der Mensch strebt nach Kommunikation. Sie macht den Menschen zum Menschen. Es geht weiterhin um private und geschäftliche Netzerke einhergehend mit der Prophezeihung, dass sich die beiden Spähren nicht vermischen werden, auch wenn das von so manchen Kulturtheoretikern gepredigt wird. Auch sind Arbeitswelten und Unternehmen ohne Vernetzung nicht mehr vorstellbar. Das geht los beim Recruiting geht weiter über die Arbeit mit den Kollegen bis hin zu Alumni-Netzwerken.

Kleine Stupser, große Wirkung – Die Macht des Nudging

“Ein Nudge (engl. für Stups oder Schubs) ist für die Erfinder des Begriffs Richard Thaler und Cass Sunstein eine Methode, um ohne Verbote oder Befehle das Verhalten von Menschen zu beeinflussen.” (Quelle: Wikipedia).

Mit dem sogenannten Nudging bringt man also Menschen über kleine „Stupser“ dazu, sich anders zu verhalten. Richard Thaler formulierte diese Idee in seinem 2008 erschienenen Buch „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt„. Wobei es unklar ist, ob nicht vielleicht Monty Python schon viel früher auf die Idee gekommen sind.

Holm Friebe und Mads Pankow stellten das Thema dann in einem vom Redeanteil leider sehr unausgeblichenen Vortrag auf der re:publica vor. Ein Beispiel zeigte die Organspendebereitschaft der Bürger diverser Länder. Auffällig ist der enorme “Bruch” zwischen Deutschland und Österreich. Der Hintergrund ist simpel: während man sich in Deutschland aktiv FÜR Organspende entscheiden muss, bedarf es in Österreich eine Aktion, um NICHT spenden zu wollen. Die Default-Einstellung in Österreich ist also “Spenden”. Es lässt sich erahnen, welche Möglichkeiten die Auseinandersetzung mit dem Nudging bieten.

Nudge! Nudge! – Was Design von Verhaltenspsychologie lernen kann

Kurzthese:

Nudging“ und das dahinter liegende Konzept des „liberalen Paternalismus“ treffen nicht nur in der notorisch kritischen Netz-Community auf die erwartbaren Anti-Reflexe. Dabei könnte es – richtig verstanden und benutzt – ein sehr nützliches und brauchbares Paradigma für das Design sozialer Systeme abgeben.

Im Dezember 2014 war Nuding Thema im Zündfunk Generator.

Nach Barack Obama und David Cameron scheint jetzt auch das politische Berlin entschlossen: Das Kanzleramt und einige Minister testen neue Methoden, um ihre politischen Ziele besser an den Bürger zu bringen. Wie bringt man die Leute dazu, Energie zu sparen? Mehr Gemüse zu essen oder fürs Alter vorzusorgen? Mithilfe neuer Techniken sollen die Bürger in die richtige Richtung geleitet werden: mit einem kleinen Schubs – dem Prinzip Nudging.

 

In den USA und in Großbritannien wird längst geschubst – oder genudged: Drucker und Kopierer werden so voreingestellt, dass Vorder- UND Rückseite bedruckt werden. Kalifornische Kommunen haben ihre Bewohner informiert, wie viel Strom sie im Vergleich zu den Nachbarn verbrauchen, und sparsame Haushalte mit einem Smiley-Brief belohnt. Verwaltungen haben durch persönliche Textnachrichten mit Zahlungserinnerungen angeblich schon Millionen eingespart. Und das alles: durch Nudging.

Der ganze Beitrag bzw. Podcast ist hier zu finden.

Unternehmenskommunikation des Islamischen Staats

Auch ein interessanter Vortrag von der re:publica 2015. Sascha Stoltenow und Thomas Wiegold sehen und zeigen Parallelen in der Öffentlichkeitsarbeit vom IS und Unternehmen wie beispielsweise BMW. Beide Organisationen verfolgen ähnliche Interessen. Beide versuchen junge Menschen für sich zu begeistern und Teil ihrer Organisation zu werden. Beide betreiben Employer Branding. Der Vortrag hält viele Beispiele bereit die zeigen, wie sich Wording und Ikonographie in der medialen Präsentation der inhaltlich sehr unterschiedlich agierenden Organisationen überschneiden.

Der Vortrag erspart uns Zuschauern übrigens die zur Inszenierung des IS üblicherweise verwendeten Gewaltbilder. Im Gegenzug wird gezeigt, wie westliche Armeen filmisch um Rekruten werben.

The IS in us – was wir durch terroristische Kommunikationsstrategien über uns selbst erfahren

Kurzthese
Mit dem Islamischen Staat (IS) hat ein „terroristisches Start-up“ die Bühne betreten. Als böser Zwilling innovativer Medienformate wie Vice oder Buzzfeed bedient sich der IS virtuos der Mechanismen des Social Webs und setzt statt auf herkömmliche Medienarbeit voll auf „Content Marketing.“ Doch dürfen wir das überhaupt so nennen? Wir behaupten: wir müssen. Denn nur so können wir die der Propaganda zu Grunde liegenden Absichten und Wirkungen erkennen – und was wir dazu beitragen.

Personal Publishing früher und heute (re:publica 2015)

Sehr spannender und eindrucksvoller Talk von Justin Hall. Nur Leuten, die schon wirklich früh im Internet dabei, oder auf der diesjährigen re:publica waren, ist bekannt, dass er schon zu Zeiten sein persönliches Leben ins Internet gestellt hat, als es überhaupt noch keine Suchmaschinen und in Summe kaum mehr als 1000 Webseiten gab. Er hat die letzten 20 Jahre des Personal Publishings mitgemacht und alles erlebt, was man in seiner Rolle erleben kann. Er hat gebloggt, als es das Wort noch gar nicht gab und er hat auch die Wendung miterlebt, als es mit Social Media obligatorische wurde im Web persönlich zu publizieren. Jedenfalls für gewisse Berufsgruppen im Online-Umfeld, also Leute wie mich. Und genau über diesen Wandel spricht er. Er stellt auch verschiedene Archetypen von Online-Publizisten vor von denen der „Learner“ am charmantesten ist:

„let’s use the internet to learn in public“

Insgesamt ein sehr schönes Referat über die Motivationen die man haben kann um ins Internet zu schreiben.

via: Self Exploitation on Today’s Internet | re:publica

Review Local Web Conference 2015 – Lokale Digitalisierung

LocalWebConference

Twittertrends sind ein guter Indikator für Dinge, die eine Gesellschaft bewegt. Auch wenn Twitter nicht wie Facebook große Teile der Bevölkerung eingenommen hat, so ist das Netzwerk für Menschen gut, die sich viel mit Informationen, aktuellen Themen und Diskursen beschäftigen. Darüber hinaus ist es wichtig für Menschen, die sich auf Konferenzen befinden. Eine Konferenz ohne Hashtag ist nicht mehr denkbar. Eine Konferenz findet zu einem guten Stück auch im Netz statt. Eindrücke werden geteilt, es wird gelobt und kritisiert und das Wissen und der Diskurs wird von der Bühne in die Gesellschaft getragen. An diesem Mittwoch im April 2015 bewegte die Local Web Conferece die Gesellschaft. Ihr Hashtag #LWC15 war den ganzen Tag in den »trending Topics«.

Digitalisierung und Gesellschaft

Internet und Digitalisierung sind Themen, die uns rund um die Uhr beschäftigen, egal wie online oder wie offline wir uns fühlen. Die Digitalisierung ist eine lautlose Revolution, aber nicht weniger wuchtig als die industrielle Revolution damals, hörten wir in der Eröffnungskeynote vom bayerischen Staatsminister Markus Söder. Die folgenden Vorträge der hochkarätigen und fein kuratierten Sprecherinnen und Sprecher präsentierten die volle Realität dieser Worte. Es ging um autonome Autos, lokale Marketingstrategien die durch das Internet unterstützt werden, um „Drohnenjournalismus“ und nicht zuletzt um die Frage: wollen wir eigentlich in einer komplett digitalisierten Welt leben? Was sind die Regeln und wie finden wir die Antworten, wenn wir es nicht ausprobieren und die digitale Welt erforschen?

Viele weitere Fragen stellte Prof. Schöls in seinem sehr hörenswerten Vortrag über Technologie, Fortschritt und Gesellschaft:

Das Ziel kann nur sein, keine Spaltung der Gesellschaft in Onliner und Nonliner mehr zu haben. In welchen Bereichen die Digitalisierung überall und sehr plastisch unterwegs ist, auch das zeigte die fünfte Local Web Conference.

In einem globalen Netz, ist lokal die Nische

Das Local Web drückt sich immer stärker in zahlreicher Lebensbereiche. Das Marketing wird lokaler, der Journalismus besinnt sich auf das Lokale zurück, die Vernetzung ist durch eine geografische Nähe geprägt und bei vielem davon spielen Geodaten eine zentrale Rolle. Es ging um Hyperlokalität, also den Zustand, in dem unsere Geräte digital verlinkt und örtlich lokalisierbar sind. Die so entstehenden Daten und Kontexte können für Dienste und Marketing genutzt werden. Beispielsweise könnte man an einem U-Bahnhof erfahren, welche der nächsten Züge eher voll besetzt oder leer sind um sich ob der Möglichkeit auf einen Sitzplatz eher für einen leeren Zug zu entscheiden. Oder die iBeacons, mit denen nicht nur Waren aus dem Regal über sich Auskunft geben, sondern es auch ermöglichen detaillierte Analysen des Kaufverhaltens im Einzelhandel zu erstellen.

Jörn Leogrande referierte sehr eindrucksvoll zu den Entwicklungen im Einzelhandel:

Die Vorträge sind archiviert

Viele weiter Videos der Vorträge sind auf der Webseite der Local Web Conference verfügbar. Einen weiteren Überblick der Konferenz bietet zudem ein Beitrag im Blog von AKOM360.

Wir freuen uns auf die nächste Local Web Conference!

Der Beitrag wurde zuerst im Blog der Nürnberg Web Week veröffentlicht.
Dirk Murschall
Freier Online-Kommunikationsmanager für Nürnberg, Hamburg, Deutschland
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